Austern Teil 2:
Die Auster und der Klimawandel

Bereits in der Antike war die Auster eine begehrte Delikatesse, die von den Galliern als Einnahmequelle entdeckt, am Atlantik gefangen und an die Römer verkauft wurde. Doch im Laufe der Zeit geriet die edle Meeresmuschel fast in Vergessenheit und wurde erst im 17. Jahrhundert am Tische des französischen Hochadels wiederentdeckt.

Im 18. Jahrhundert erfreute sich die Auster einer solchen Beliebtheit und wurde in solch großer Stückzahl konsumiert, dass die heimische Europäische Art kurz vor dem Aussterben stand. In der Folge wurden auf französischem Hoheitsgebiet Konzessionen für den Austernfang eingeführt und die heute weit verbreitete Pazifische Felsenauster aus Portugal importiert.

Heute steckt die französische Austernwirtschaft wieder in der Krise, denn zwischen 1968 und 1979 fiel die Europäische Auster zwei Parasitosen zum Opfer, von denen sie sich bis heute nicht erholt hat, und die portugiesisch-stämmige Muschel leidet seit einigen Jahren ebenfalls an einer Krankheit, die ihren Bestand ernsthaft gefährdet.

Tierisches Barometer für den Klimawandel
In der Wissenschaft gilt die Auster schon seit vielen Jahren als Gradmesser für den Gesundheitszustand der Meere und wird als „Laborratte“ für wissenschaftliche Studien eingesetzt. Für ökophysiologische Studien eignet sich das Meerestier besonders gut, da es seine Körpertemperatur nicht selbst reguliert, sondern diese durch seine Umwelt gesteuert wird. Für die Fortpflanzung der Pazifischen Felsenauster ist die Wassertemperatur ein entscheidender Faktor, weil sie bestimmt, wie schnell erwachsene Tiere geschlechtsreif werden, wann sie ihre Eier ablegen und wie sich die Larven entwickeln. Ideale Bedingungen für die Fortpflanzung sind aber einer Wassertemperatur von 20-21°C gegeben.

Auf klimatische Veränderungen reagiert die Auster sehr stark. Es verwundert also nicht, dass als Folge der Erderwärmung bereits deutliche Veränderungen in ihrem Wachstum, ihrer Fortpflanzung, ihrem Larvenstadium und ihrem Lebensraum zu beobachten sind.

Besonders unter Gesichtspunkten der Phänologie, also saisonaler Veränderungen in der Flora und Fauna, ist die Pazifische Felsenauster äußerst aufschlussreich. Während etwa bei der Europäischen Auster kaum Veränderungen zu beobachten sind, verschiebt sich die Legezeit bei der Pazifischen Art immer weiter nach hinten – von Ende Juni/Anfang Juli in den 90er Jahren auf den Mitte August im Jahr 2012. Die Entwicklung der Larven ist eng mit der Wassertemperatur verbunden: je wärmer das Meer, desto kürzer dauert das Larvenstadium. Bei 19°C sind es noch ganze 20 Tage, bei 22°C nur noch 15 und bei 27°C schlüpfen die Larven bereits nach 6 Tagen.

Aufgrund der immer wärmer werdenden Sommer verschiebt sich der Lebensraum der Auster immer weiter Richtung Norden. Seit Mitte der 70er Jahre ist die Muschel bereits an den Küsten Englands und der Niederlande heimisch und mittlerweile ist sie sogar bis an die schwedischen und norwegischen Küsten und in die Ostsee vorgedrungen. 2008 wurde die Auster erstmals nördlich des 60. Breitengrades, südlich von Bergen (Norwegen), angetroffen.

Seit 2008 hat die französische Austernwirtschaft mit einer außergewöhnlich hohen Sterblichkeitsrate von 60 – 90 % zu kämpfen. Angesichts dieser besorgniserregenden Zahlen rief das französische Meeresforschungsinstitut Ifremer (Institut français de recherche pour l'exploitation de la mer) 2009 das Netzwerk RESCO ins Leben mit dem Ziel, die Lebensbedingungen der Austern anhand von Versuchsexemplaren zu erforschen und ihre Überlebenschancen zu verbessern. Als Forschungslabore dienen fünf Muschelbecken, die im ganzen Land verteilt sind: im Etang de Thau (Hérault, Languedoc-Roussillon), in der Bucht von Arcachon (Gironde, Aquitaine), in den Pertuis Charentais (Vendée, Poitou-Charentes), in der Bucht von Bourgneuf (Vendée, Poitou-Charentes) und in der Reede von Brest (Finistère, Bretagne). Dank des außergewöhnlich milden Winter 2013/14, dem durchschnittlich warmen Frühling und den günstigen Witterungsbedingungen im Sommer kam es Mitte Juli fast gleichzeitig im gesamten Forschungsgebiet (im Etang de Thau schon früher) zu einer überdurchschnittlich ergiebigen Eiablage. Doch die Hoffnungen wurden durch den kalten August wieder etwas getrübt, durch den sich die Larven nicht ideal entwickeln konnten.

Ungewisse Zukunft für die Auster
Auch die Versauerung der Ozeane stellt für die Auster wie für viele Muschelarten eine ernstzunehmende Bedrohung dar. Rund 30 % des CO2-Ausstoßes auf der Erde werden in den Weltmeeren gebunden, was zu einer Veränderung der chemischen Zusammensetzung führt. 2010 stellte man fest, dass sich der PH-Wert des Atlantiks um -0,1 verändert hatte und bis 2200 rechnet man mit einer Reduktion um 0,5. Während der CO2-Gehalt der Erdatmosphäre vor der industriellen Revolution bei etwa 280 ppm (parts per million) lag, misst man heute bereits eine Konzentration von 390 ppm und bis 2100 rechnet man mit bis zu 560 ppm. Dieser Anstieg geht mit einer Veränderung im Kalzifizierungsprozess einher, die verheerende Auswirkungen auf die Austern, aber auch andere Meerestiere wie Plankton und Korallen hat. Die Tiere werden kleiner und ihr Lebenszyklus wird kürzer.

Das Schicksal unserer geliebten Auster ist also eng mit unserem Klima verbunden. Doch die Wissenschaft kennt bei weitem noch nicht alle Faktoren, die das Überleben der Auster beeinflussen. Die Frage bleibt also: Wird sich die Auster anpassen können oder wird sie über kurz oder lang aus unseren Meeren und von unseren Tellern verschwinden?

Weitere Infos zur französischen Austernwirtschaft und eine Anleitung für ein leckeres Austern-Festmahl findet Ihr im ersten Teil unseres zweiteiligen Beitrags.

Quelle:
Ifremer
Zusammenfassung des Vortags von Stéphane Prouveau auf der Ifremer-Konferenz am 10.04.2013