Ile de Houat

Ein Leben ohne Auto – ist das überhaupt möglich? Angesichts des Stellenwerts, den das Auto als Fortbewegungsmittel eingenommen hat, ist diese Frage durchaus berechtigt. Es gibt jedoch Orte, an denen das Auto nicht zum Landschaftsbild gehört und wo das Leben sehr gut ohne funktioniert.
Der Trend geht weg vom Auto. So sehen etwa in großen Städten wie Paris bereits mehr als 50 % der Einwohner keine Notwendigkeit mehr darin, ein Auto zu besitzen. Wenn die Verkehrspolitik sich den Herausforderungen der Umwelt, der Verstädterung und der Lebensqualität der Einwohner stellt, erkennt man schnell, dass Autos häufig unnötig, ja sogar eine Belastung sind. Den Franzosen haben die hohen Luftverschmutzungswerte im März 2014 in Paris dies gerade erst wieder vor Augen geführt. Weitab der großen Städte zeigen einige kleine Inseln, dass ein Leben ohne Auto nicht nur möglich, sondern heute mehr denn je eine Notwendigkeit ist.

Wir begeben uns auf eine Reise zu den autofreien Inseln Frankreichs und beginnen in der Bretagne. Die erste Insel, die Ile de Houat (Bretonisch: Ente), liegt 14 Kilometer von der Hafenstadt von Quiberon entfernt, knapp außerhalb des Golfs von Morbihan und gehört zu den Ponant-Inseln. Die gerade einmal 5 Kilometer lange und 1,3 Kilometer breite Insel ist ein kleines Naturparadies mit einer bewegten Geschichte: Von zahlreichen Invasionen, die die Insel verarmen ließen und Quarantänezuständen aufgrund von Schmuggelaktivitäten zeugt heute die alte Festung Vauban. 1951 wurde die Insel von einem Sturm praktisch völlig zerstört. Dennoch hat die Insel ihr letztes Wort noch nicht gesprochen. Houat ist in erster Linie eine Fischerinsel und verfügt über eine bemerkenswerte Fischereiflotte, ein Plankton-Forschungszentrum, ein Naturzentrum und ein Haus der Fischer.

Das Motto „Ag er mor e viuamb” („Wir leben vom Meer“) könnte die Lebensweise der Inselbewohner nicht besser beschreiben. Die etablierte und professionell betriebene Fischerei sorgt nicht nur dafür, dass Einwohner und Besucher ausgezeichneten Fisch und Meeresfrüchte genießen können. Sie dient auch dem Erhalt des Hafens, von dem wiederum all diejenigen profitieren, die sich nur zeitweise auf der Insel aufhalten wie z.B. Touristen oder Segler. So trägt sie im Wesentlichen zur Sicherung der Existenz der Insel bei. Ohne sie wäre selbst eine Nutzung als Zweitwohnsitz oder Ferienort sehr schwierig. Das 300 m² große Haus der Fischer am Hafen wurde 2013 gemäß EU-Normen errichtet und dient zur Konservierung von Fischen und Ködern in Kühlkammern und Eisschränken, zur Aufzucht von Krabben, Krebsen und Hummern in Frischwasserbecken und zur Reparatur und Instandhaltung von Angelwerkzeug.

Nur etwa 240 Menschen leben ganzjährig auf der friedlichen Insel, die aus Wegen und Pfaden besteht. Die Gassen des kleinen Dorfs, indem der Großteil der Einwohner lebt, schmücken hübsche weiße Häuser und Blumen. Überall sonst regiert die Natur. An der Küste verläuft ein Pfad, der ausschließlich Fußgängern vorbehalten ist. Die atemberaubende Küste ist gesäumt von zahlreichen Buchten und selten schönen Stränden. Houat ist mit Farnen und Ginster übersäht, durch den Dünensand sprießt wilder Spargel, und auch die duftende Strandlilie (Pancratium maritimum), die unter Naturschutz steht und daher nicht gepflückt werden darf, blüht hier. Zusammen mit seiner Zwillingsinsel Hoedic (kleine Ente) gehört Houat zum Naturschutzgebiet „Natura 2000“. Erkunden Sie die Insel zu Fuß oder mit dem Fahrrad auf einem der wenigen Wege. Die rund ein Duzend Fahrzeuge sind reine Nutzfahrzeuge. Die Ile de Houat, Insel der Fischer, lädt ganzjährig zu einem wahren Naturerlebnis ein.

Yasmine Haun