Autofreie Insel: Ile de Sein, Bretagne

Die dritte Autofreie Insel auf unserer Tour ist die Ile de Sein im Department Finistère, mitten im Mer d’Iroise, 8 Kilometer vom Kap Pointe du Raz entfernt. Die Insel ist 2 Kilometer lang, zwischen 30 und 500 Metern breit und wie ein umgedrehtes S geformt. Mit einer durchschnittlichen Höhe von 1,50 Metern liegt die Ile de Sein nur knapp über dem Meeresspiegel.

Die Insel scheint aus einer Verbindung von Felsen und Meer hervorgegangen zu sein. Hier gibt es keine Stelle, an der man sich nicht bewusst ist, dass man sich auf einer Insel befindet. Das Meer ist allgegenwärtig und mit allen Sinnen wahrnehmbar. Der regionale Naturpark Armorique gehört seit September 2013 zusammen mit den Inseln Molène und Ouessant zum Biosphärenreservats Iroise.
Auf der gesamten Insel gibt es keinen einzigen Baum oder Strauch. Die Ile de Sein ist regelmäßig verheerenden Stürmen ausgesetzt und starke Strömungen haben in der Vergangenheit immer wieder zu Schiffsunglücken geführt. Nicht von ungefähr kommt daher die Redewendung der Fischer: „Qui voit Sein, voit sa fin“ (Wer Sein sieht, sieht sein Ende).

Trotz aller Widrigkeiten fühlt sich der Mensch seit jeher von der Insel angezogen. In der Nähe der Kirche zeugen zwei Menhire von der Präsenz des Menschen im Altertum. Auch wenn diese vorerst nicht andauern sollte und in einem Dokument aus dem Jahr 1604 von einer „unbewohnten Insel“ die Rede ist, wurde die Ile de Sein bald zur Heimat von Fischern aus dem Cap Sizun, die hier ideale Bedingungen für den Fischfang fanden, sowie von überlebenden Schiffsbrüchigen, die sich auf die Insel retteten. Doch 1664 wurde die Ile de Sein im Krieg zerstört und verwaiste erneut. Seit dem Ende des Kriegs ist die Insel schließlich durchgängig bewohnt. 1936 erreichte die Bevölkerungszahl mit 1328 Einwohnern ihren Höhepunkt, und selbst nach dem 2. Weltkrieg lebten noch mehr als tausend Menschen hier. Erst Anfang der 60er Jahre kam es zu einem Einbruch, der einem ganz bestimmten Grund zuzuschreiben ist: der Jakobsmuschel. Mit dem Rückgang der Muschelfänge an den gewohnten Fangstellen folgten die Insulaner der Muschel bis in die Reede von Brest. Aufgrund der langen Saison von 6 Monaten ließen sich bald die gesamten Fischerfamilien in Brest nieder. Durch den Preisverfall für Jakobsmuscheln in den 70er Jahren, verschob sich der Muschelfang noch weiter in die Bucht von Sein, wo die Muscheln eine bessere Qualität hatten und somit höhere Preise erzielten. Zudem konnten sich mit steigenden Immobilienpreisen immer weniger junge Fischer das Leben auf der Insel leisten. Mit 197 Einwohnern ist die Ile de Sein heute die am wenigsten besiedelte Insel im Department Finistère. Im Laufe des Jahres variiert die Bevölkerungszahl zwischen 120 im Winter und bis zu 1500 im Sommer. 64 % der 350 Häuser und Wohnungen werden als Zweit- oder Ferienwohnsitz genutzt.

Neben dem Fischfang hat die Algenwirtschaft hier lange Tradition. Vor allem die Frauen wussten aus diesen Meerespflanzen allerlei Wertvolles herzustellen. Bis in die 50er Jahre wurde der Seetang vorwiegend zur Iod-Gewinnung genutzt. Davon zeugen heute noch die letzten Öfen, in denen der Tang gebrannt wurde. Vor Ort wurden die Algen zum Räuchern und Kochen verwendeten. Da es auf der Insel keine Bäume gibt, waren Algen lange Zeit das einzige verfügbare Brennmaterial. Die Flechtenart lichen carragghéen kam in der Patisserie und in der Pharmazie zum Einsatz und die Asche des Seegras kalkougn wurde in der Glaskunst verwendet. Die alkaloidreichen Rückstände des verbrannten Tangs wurden zudem im Haushalt und als Düngemittel eingesetzt.
Eine weitere Besonderheit der autofreien Insel ist, dass auch die Nutzung von Fahrrädern für Besucher hier nicht erlaubt ist. Doch die Insel ist mit gerade einmal 56 Hektar Fläche so überschaubar, dass sie sich auch zu Fuß spielend erforschen lässt. Die Gassen des kleinen Orts sind so eng, dass das Fahrradfahren im Sommer hier selbst den Einwohnern untersagt ist.
Trotz aller Auflagen und Vorsichtsmaßnahmen stellt der Tourismus eine Gefahr für die Insel dar. Diese weist keinen durchgängigen Felssockel auf, sondern ist Teil eines uralten Plateaus aus aufgehäuftem Kies. In den letzten Jahren ist ein Trend entstanden, aus den Kieselsteinen Säulen zu bauen, die in der Abendröte besonders ästhetisch aussehen, für die Insel jedoch eine ernsthafte Bedrohung darstellen. Zusammen mit dem Sammeln von Kieselsteinen als Urlaubssouvenir trägt dieses neue Spiel zunehmend zu Erosion der Insel bei.

Auf der empfindlichen Insel gehört die Müllvermeidung und -entsorgung zu einer der wichtigsten Aufgaben und ist umso aufwändiger und kostspieliger. Alle Abfälle werden auf das Festland gebracht und dort entsorgt.

Seit 2009 ist die Ile de Sein bequem mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen. Von Quimper aus geht es mit der Bahn und dem Bus zum Anlegehafen von Ste Evette, 25 Kilometer Luftlinie von der Ile de Sein entfernt, und von dort weiter mit dem Schiff auf die Insel.