Grüner Mantel für die „Eiserne Dame“?

Wie Yasmine Haun ja schon bei ihrem letzten Besuch in Paris festgestellt hat, wird die Stadt der Liebe immer grüner. Besonders das 13. Arrondissement tut sich hier löblich hervor. Nun erreicht die Idee einer grünen Stadt die dritte Dimension: Es sollen nicht länger nur Gärten, Straßen oder Hausfassaden begrünt werden, nun geht es in die Höhe. Wie unter anderem die Süddeutsche Zeitung meldet, soll in naher Zukunft das Pariser Wahrzeichen, der Eiffelturm höchst selbst, begrünt werden.

Die Rahmendaten sind beachtlich: 600.000 Pflanzen sollen den 120 Jahre alten Turm einkleiden, die gesamte Anlage mit Pflanzen, Halterungen und Bewässerungssystem soll über 300 Tonnen wiegen. Dass die „Eiserne Dame“ unter dieser Last nicht zusammenbricht, ist für das zuständige Planungsbüro Ginger schon sehr sicher. Über Monate wurde dort an einem mehrere Meter hohen Modell bereits getüftelt und getestet. Sinn der Sache ist vor allem Imagepflege: Paris etabliert sich als grüne Stadt, was passt da besser als ein über 300 Meter hoher „Baum des Lebens“? Nach Angaben von Ginger soll der grüne Riese darüber hinaus bis zu 88 Tonnen CO² im Jahr absorbieren.

Doch ob zwischen Juni 2012 und Januar 2013 tatsächlich dutzende Gartenbau- und Kletterspezialisten auf dem Eiffelturm herumturnen werden, ist noch völlig unklar. Denn die Sache scheint zwar technisch machbar und sogar die Finanzierung (geschätzte 72 Mio. Euro) sollen aus privater Hand bereits gesichert sein. Allerdings hat bislang weder die Pariser Stadtverwaltung, noch die Betreibergesellschaft des Eiffelturms den Plänen von Ginger zugestimmt. Und in der französischen Volksseele brodelt eher der Unmut als helle Begeisterung.

Doch das sollte die Öko-Visionäre nicht von ihrem Plan abbringen. Als der Eiffelturm vor etwa 120 Jahren gebaut wurde, bezeichnete die Bevölkerung ihn als „Totgeburt“ und sehnte sich dem geplanten Abbau nach 20 Jahren entgegen. Doch rasch änderten die Pariser ihre Meinung und machten die „Eiserne Dame“ zum Wahrzeichen von Paris und ganz Frankreich. Wer weiß, vielleicht wird es dem grünen Eiffelturm ähnlich gehen? Der Bewuchs indes soll keine 20 Jahre bleiben. Ihm werden lediglich vier Jahre Lebensdauer prognostiziert. Eine Zeitspanne, die einen Versuch wert sein sollte – oder?

Oliver Bernasconi