Muttertag in Frankreich

Ein Fest auf der Suche nach sich selbst

Wie in den meisten europäischen Ländern, ist auch in Frankreich der Muttertag, »Fête des Mères«, zu einer (kommerziellen) Instanz geworden. Ein Umsatzbringer, der schon einen guten Monat vorher beworben wird und der nicht nur für Blumenhändler zu den wirtschaftlichsten Tagen des Jahres zählt. Nun kann für etwas Verwechslung sorgen, dass der Muttertag in Frankreich nicht am 14. Mai (also wie in den meisten Ländern am zweiten Sonntag im Mai), sondern stattdessen am letzten Maisonntag, dem 28. Mai, gefeiert wird. Doch nicht nur im Datum gibt es interessante Differenzen. Auch historisch wäre Frankreich beinahe das erste Land mit eigener Muttertags-Tradition geworden. So schlug Napoleon Bonaparte schon im Jahr 1806 die Einführung eines Muttertages vor, was jedoch nie eine Umsetzung fand.

Die Ursprünge des Muttertags gehen zurück auf antike Zeiten – so besitzen die Verehrungsrituale der Göttin Rhea (antikes Griechenland) und der Attiskult (Rom) erkennbare Parallelen zu dem, was uns heute beim Stichwort Muttertag in den Sinn kommt. Eine eigene Mütterbewegung war es dann auch, die in den USA ab 1865 an der Bekanntheit eines Muttertags, oder »Mothers Friendships Day« arbeitete. So gilt noch heute als eigentliche Begründerin des Muttertags die Methodistin Anna Marie Jarvis. Sie veranstaltete in Grafton, West Virginia, am 12. Mai 1907, ein Memorial Mothers Day Meeting, auf dem sie unter anderem dem Tod ihrer Mutter gedachte. In den folgenden Jahren wurde wiederum am zweiten Maisonntag in der Methodistenkirche in Grafton allen Müttern mit hunderten weißen Nelken gedacht. Anna Marie Jarvis kämpfte verstärkt darum, aus der entstandenen Tradition heraus einen offiziellen Muttertag zu schaffen – was ihr schließlich auch gelang. Doch der neue Fête des Mères hat auch in Frankreich eine lange, umständliche Geschichte hinter sich. 1929 wurde er von der französischen Regierung anerkannt und das hatte vor allem einen bestimmten Grund: Die Fokussierung auf die Situation der Mütter sollte die damalige Geburten- und Familienpolitik unterstreichen. In Deutschland war die Einführung schon deutlich kommerzieller – denn dort wurde der Muttertag 1923 vom Verband Deutscher Blumengeschäftsinhaber mit »Ehret die Mutter« Slogans erstmals begangen. Hier treffen sich dann auch deutsche und französische Geschichte, da nämlich während der Vichy-Regierung, die mit den deutschen Besatzern ab 1940 kollaborierte, der Muttertag in völkischer Art instrumentalisiert wurde. Das Rollenbild der Mutter sollte dem der Nazis entsprechen, und im Fête des Mères ein eigenes Fest finden. Nach der Befreiung Frankreichs blieb der Muttertag, losgelöst von dieser völkischen Verzerrung, bestehen und wie viele Einrichtungen des Vichy-Regimes, etwa Personalausweis oder das Nationale Filmzentrum, fand auch der Muttertag seinen Weg in die französische und europäische Nachkriegszeit. Übrigens wird nicht nur in Frankreich der Muttertag am letzten Sonntag im Mai gefeiert, unter anderem begehen auch Algerien, Marokko, Schweden und die Dominikanische Republik den Feiertag etwas später als die Deutschen und US-Amerikaner.

Was bleibt nun von einem Tag, der in der Moderne als Gedenktag an eine verstorbene Mutter begann und fortgesetzt wurde als vielfach kommerzielles Erlebnis? Wahrscheinlich bleibt das, was jeder aus diesem Tag macht und was er ursprünglich einmal bedeuten sollte: Nämlich die Achtung der Rolle der Mütter auf aller Welt, und somit letztendlich ein Fest des gegenseitigen Respekts und der Liebe.