Gesund, regional und sozialverträglich – nachhaltiger Konsum auf Französisch

Angesichts der zunehmenden Urbanisierung Frankreichs, die zu einer Verdrängung von Grünflächen durch Betonwüsten, zum Aufbrechen sozialer Bindungen und zunehmender Armut geführt hat, ist in Frankreich in den letzten 20 Jahren eine Bewegung entstanden, die für eine neue Art des Anbaus und Konsums steht, der als gesund, regional und sozialverträglich bezeichnet werden kann. Gemeinschaftsgärten, regionale Erzeugerverbände und gemeinschaftlich betriebene Bauernläden sind immer mehr im Kommen. Das Ziel: gemeinsam etwas zu bewegen, den Treibhauseffekt zu reduzieren, regionalen und biologischen Anbau zu fördern und der Kreativität freien Lauf zu lassen.
Im Zuge dieser Bewegung haben sich viele sozial und ökologisch engagierte Landwirte und Konsumenten zu Netzwerken zusammengefunden, von denen einige mittlerweile fest etabliert sind.

AMAP
Viele Landwirte haben sich zu regionalen Erzeugerverbändern zusammengeschlossen. Diese sogenannten AMAPs (Associations pour le maintien d'une agriculture paysanne) verfolgen das Ziel, den regionalen und biologischen Anbau zu fördern und gegenüber der industriellen Landwirtschaft wettbewerbsfähig zu bleiben. Das Prinzip der AMAPs besteht darin, eine direkte Verbindung zwischen Produzenten und Verbrauchern herzustellen, um landwirtschaftliche Erzeugnisse vor Ort, ohne lange Transportwege und zu einem fairen Preis zu vertreiben.
Seit der Gründung der ersten AMAP im Jahr 2001 sind in fast allen Regionen Frankreichs regionale Verbände entstanden. 2012 waren landesweit insgesamt mehr als 50.000 Familienbetriebe und knapp 200.000 Verbraucher in über 1.600 regionalen AMAPs organisiert. Alle AMAP-Mitglieder verpflichten sich dabei zur Einhaltung einer Charta von 18 Kriterien des nachhaltigen Wirtschaftens.

Gemeinschaftsgärten
In vielen Städten und Kommunen Frankreichs haben sich die Bewohner zu Vereinen zusammengeschlossen, um gemeinsam einen Garten zu bewirtschaften. Die Prinzipien Solidarität, Geselligkeit, Austausch zwischen den Generationen und Kulturen stehen dabei im Vordergrund. Wichtige Entscheidungen werden gemeinsam getroffen. Der Respekt vor den Pflanzen wird in den Gemeinschaftsgärten großgeschrieben. Der Einsatz von Pestiziden ist deshalb verboten. Stattdessen experimentieren die Hobbygärtner mit Strohabdeckungen, Kompostierung und Gründünger. Die „grünen Oasen“ liegen meist am Rande einer Siedlung, so dass die Bewohner sie zu Fuß erreichen können und das gesamte Viertel von einer „Vergrünung“ profitiert.
Entstanden ist die Idee der Gemeinschaftsgärten Mitte der 1980er Jahre, als sich Hobbygärtner, sozial Engagierte und Umweltaktivisten zusammentaten, um nach dem New Yorker Vorbild Gemeinschaftseigentum zu bewirtschaften. 1997 schlossen sich die Betreiber der Gemeinschaftsgärten in den verschiedenen Regionen und Städten zu einem Netzwerk zusammen und hielten ihre solidarischen Werte in einer Charta fest. Heute liegen die Gemeinschaftsgärten voll im Trend und ziehen vor allem immer mehr Stadtbewohner der oberen Mittelschicht an. Insgesamt gibt es in Frankreich heute zwischen 800 und 1000 solcher Gemeinschaftsgärten, rund ein Viertel davon in der Region Rhône-Alpes und ca. 100 in Paris.

Bauernläden
Das Prinzip gemeinschaftlich betriebener Bauernläden ist einfach: Die Erzeugnisse regionaler Landwirte an einer zentralen Stelle zusammenzuführen und zu vertreiben, um damit den Umweg über den Einzelhandel und andere Zwischenhändler zu umgehen. Durch den gemeinsamen Verkauf finden die Kunden an einem Ort all das, was Sie für ihren Einkauf benötigen. Die Angebotspalette reicht von frischem und saisonalem Obst und Gemüse bis hin zu verarbeiteten Produkten wie Fleisch und Wurst, hausgemachte Konserven, Käse, Eier und Getränken. Indem Sie Produzenten und Verbraucher direkt zusammenbringen, ermöglichen es die Gemeinschaftsläden den Herstellern, ihre Produkte in größerer Menge und zu einem zwischen 20 und 30 % höherem Preis abzusetzen, als über die großen Handelsketten. Außerdem können sich die Hersteller die Kosten für die Ladenfläche teilen und sich so eine Verkaufsfläche in der Nähe der Verbraucher leisten. Hinzu kommen die Vorteile der Arbeitsteilung beim Verkauf. Zudem erlaubt es der gemeinsame Verkauf den Landwirten, ihre Produktion zu diversifizieren und jungen Unternehmern, Lücken in der lokalen Produktion zu schließen.
Der erste gemeinschaftlich betriebene Bauernladen entstand 1978. Heute gibt es frankreichweit rund 250 solcher Verkaufsstellen.
Das Konzept der Gemeinschaftsläden trägt zum Erhalt der lokalen Landwirtschaft bei und sichert gleichzeitig eine gesunde, verantwortliche, saisonale, und wirtschaftlich tragfähige Ernährung. Damit erfüllt es sowohl die Erwartungen der Verbraucher als auch der Produzenten und stärkt das soziale Netz der verschiedenen regionalen Akteure.

Ein paar Fakten

  • Während es 1955 noch 2 Millionen, vorwiegend kleine, landwirtschaftliche Betriebe gab, ist ihre Zahl heute auf rund 20 % geschrumpft. Jede Woche schließen rund 200 Betriebe ihre Pforten, weil es keine Nachfolger oder Käufer gibt.
  • Grundsätzlich verdienen Produzenten, die ihre Waren über die großen Handelsketten verkaufen aufgrund des hohen Wettbewerbsdrucks deutlich weniger, als diejenigen, die ihre Erzeugnisse direkt absetzen.
  • Rund 71 % der auf dem französischen Großmarkt Rungis vertriebenen Früchte und 41 % des Gemüses werden importiert. Die Lebensmittel der Pariser sind nur zu etwa 1 % französischen Ursprungs – und das, obwohl im Großraum Paris (Region Ile-de-France) 48 % der Fläche landwirtschaftlich genutzt werden. Der Bezug zwischen Verbraucher und Lebensmittel mit seiner Herkunft und seiner Geschichte ist hier fast vollständig verloren gegangen.

Quellen:
www.reseau-amap.org
www.jardins-partages.org
www.jardinons-ensemble.org
www.talentsdefermes.fr
www.uniferme.fr