Neue Ansätze für den Klimaschutz

Yasmine Haun im Interview mit Dietrich Brockhagen von atmosfair

Die Vorbereitungen für die diesjährige Weltklimakonferenz laufen auf Hochtouren. Das hochrangige Treffen der Vereinten Nationen, das 1992 mit dem Klimagipfel von Rio de Janeiro seinen Ursprung nahm und seit 1995 jährlich abgehalten wird, findet vom 11. November bis zum 30. November 2019 in Chile statt. 2015, als die Versammlung in Paris statt fand, sprach Yasmine Haun, Geschäftsführerin von France écotours, mit Dietrich Brockhagen, dem Geschäftsführer der Klimaschutzorganisation atmosfair, über seine Erwartungen und neue Ansätze für eine erfolgreiche Klimapolitik.

Yasmine Haun: Was würdest Du denn empfehlen? Wie könnte eine effektive Klimapolitik aussehen und wie könnte sie umgesetzt werden?

Dietrich Brockhagen: Mein Eindruck ist, dass die Klimapolitik auf UN-Ebene in der Vergangenheit immer darunter gelitten hat, dass es letztlich immer um eine Art von Schmerzverteilung zwischen den Staaten ging. Wer sich zuerst und am weitesten bewegt hat, der musste sich als Regierungsvertreter oder Regierungschef zu Hause kritisieren lassen, dass er international zu weitreichende Zugeständnisse gemacht hat und das auf Kosten der eigenen Wirtschaft. Das ist ja immer der Vorwurf.

Ein gemeinsames Ziel

Bislang geht es also um eine Lastenverteilung, die sich in einer Formel ausdrücken lässt, die in Kyoto festgelegt wurde: Ein Land Y legt sich fest, bis zum Jahre X seine CO2-Emissionen um Z Prozent zu reduzieren. Und weil man CO2-Emissionen ja immer mit Wirtschaftswachstum verbindet, bedeutet weniger CO2 auch immer weniger Wirtschaftswachstum. Das ist das grundsätzliche negative Paradigma, unter dem diese Verhandlungen stehen. Zwar wissen alle, dass sie irgendwie gemeinsam dieses große Ziel erreichen müssen, aber keiner ist bereit, weiterzugehen als alle anderen. Und darunter leidet alles.

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Vom Einzeldenken zum Gruppendenken

Ich glaube, ein alternativer Ansatz wäre, mehr auf einheitliche Maßnahmen zu setzen statt wie bisher aus Ziele. Bei Kyoto war der Ansatz, wenn wir uns nicht auf gemeinsame Maßnahmen einigen können, also was die Länder wirklich machen müssen, dann können wir uns vielleicht auf Ziele einigen. Ziele sind beliebt, denn sie liegen immer in der Zukunft und man kann sie weit wegschieben. Mittlerweile ist das aber unglaubwürdig geworden. Die Kyoto-Ziele wurden ja auch nur durch Zufall eingehalten und nicht durch Maßnahmen. An den Vereinten Nationen kommt man dabei natürlich nicht vorbei, man muss das auf Regierungsebene machen und darf das nicht nur der Wirtschaft überlassen und es darf schon gar nicht auf Freiwilligkeit beruhen. Aber man könnte versuchen, darauf zu setzen, dass sich zumindest die Kernindustriestaaten auf harmonisierte Maßnahmen einigen können. Das können natürlich keine Steuern sein, weil Steuern immer als nationales Heiligtum gesehen werden, aber es könnte z.B. bedeuten, dass sich alle Länder, in denen Erdöl gefördert wird, oder in denen Kohle abgebaut wird oder Gas, auf ein Gesetz einigen, das in all diesen Ländern eingeführt wird, ob in Saudi-Arabien, Polen, Russland, oder auch in Nigeria und Venezuela. Dieses Gesetz könnte so aussehen, dass eine Firma, die eine Tonne Kohlenstoff aus dem Boden holt – ob in Form von Kohle oder Öl oder etwas anderem – dafür irgendwo auf der Welt Anlagen für erneuerbare Energien aufbaut – ob in Form von Wasserkraft oder Windkraft oder etwas anderem – mit einer installierten Kapazität von sagen wir 2 Watt. Das wäre ein relativ simples Gesetz. Es würde nicht mehr vorschreiben, eine Menge X bis zum Zeitpunkt Y zu reduzieren, sondern es würde Unternehmen, die z.B. Erdöl explorieren wollen, dazu zwingen, im gleichen Maße erneuerbare Energien aufzubauen. Es gäbe auch keinen Zeitrahmen mehr, aber die Verpflichtung wäre so austariert, dass keine Gefahr mehr bestünde, dass das Öl irgendwann aufgebraucht ist, denn zu diesem Zeitpunkt wäre schon so viel erneuerbare Energie aufgebaut, dass man das Öl gar nicht mehr braucht. Und das wäre ein ganz anderes Paradigma. Man würde nicht mehr mit Schmerzen zu einer Klimakonferenz fahren, weil man befürchtet, wieder eine Verpflichtung auferlegt zu bekommen. Stattdessen müsste man sich nur verpflichten, die Unternehmen etwas an die Kandare zu nehmen, und das würde auch die Einigkeit unter den Staaten wiederherstellen.

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Komplexität der Industrieländer und Entwicklungsländer

Das große Problem bei der Klimapolitik ist ja das Verhältnis zwischen Industrieländern und Entwicklungsländern. Schon in der Klimarahmenkonferenz ist verankert, wie man damit umgehen soll. Heute ist das aber wahnsinnig schwer, weil sich die Staatengruppe in der Zwischenzeit mehrfach aufgeteilt hat. Es gibt die kleinen Inselstaaten, es gibt die großen Blockstaaten wie Indien, Brasilien und China, die sich schnell entwickeln, es gibt besonders bedeutende Schwellenländer wie Russland und dann gibt es noch die Industrieländer. Es gibt also nicht mehr einfach nur diese zwei Blöcke, Industrieländer und Entwicklungsländer, und alle haben einen ganz unterschiedlichen Anteil am Klimaproblem, eine unterschiedlich große Verantwortung und unterschiedlich starke Möglichkeiten. In der Klimarahmenkonvention ist festgelegt, dass all diese Parameter berücksichtigt werden müssen, aber wie, das weiß kein Mensch. Das ist ein gordischer Knoten und ich bezweifle, dass der jemals durch Verhandlungen durchschlagen werden kann. Dieser Knoten würde sich aber auflösen, wenn Länder, die sehr viel Erdöl haben, auch dafür sorgen müssen, dass erneuerbare Energien aufgebaut werden. Das würde dazu führen, dass Länder, die früher gegeneinander gearbeitet haben, plötzlich am gleichen Strang ziehen. Das ist natürlich alles viel komplizierter, als ich das jetzt beschreibe, aber das wäre auf jeden Fall mal eine neue Idee.

Yasmine Haun: Herzlichen Dank für deine Stellungnahme und deine Ideen zur Klimapolitik. Vielen Dank für das Interview!

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Über atmosfair

atmosfair ist eine Klimaschutzorganisation mit dem Schwerpunkt Reisen, die sich insbesondere durch die Kompensation von Treibhausgasen durch erneuerbare Energien für den Klimaschutz engagiert. Die Organisation wurde 2005 gegründet und entstand durch eine Gemeinschaftsinitiative des Reiseveranstalterverbandes forum anders reisen und der Umweltorganisation Germanwatch mit Unterstützung des Bundesumweltministeriums.

France écotours arbeitet seit vielen Jahren eng mit atmosfair zusammen und lässt für jede der über das Portal www.myecostay.eu vermittelten Urlaubsdomizile eine CO2-Bilanz erstellen.

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