Rando famille Alpes

Nachhaltiger Tourismus in Europa

Land und Leute so erleben, wie sie sind, authentische kulturelle Begegnungen statt abgeschotteter Touristenhochburgen, regionale Küche statt internationalen Einheitsbreis – und das alles mit möglichst geringem ökologischen Fußabdruck und der Gewissheit, dass ein Großteil der Einnahmen an die lokale Bevölkerung statt an ausländische Tourismuskonzerne fließt – immer mehr Menschen wünschen sich eine solche Form des Reisens. Laut der jährlich erscheinenden Reiseanalyse (RA) legten 2014 31 % der Deutschen großen Wert darauf, ihren Urlaub umweltverträglich zu gestalten. Soziale Apsekte waren sogar für 38 % ein entscheidendes Kriterium. Diesen Trend haben auch die Reiseveranstalter langsam aber sicher erkannt und stellen zunehmend auf ökologische und sozialverträgliche Angebote um. Doch wie steht es tatsächlich um den sogenannten “nachhaltigen” Tourismus in Deutschland? Welche Anbieter sind wirklich nachhaltig? Und wie sieht es in unseren Nachbarländern aus? Im Folgenden findet Ihr einen kleinen Überblick über den Stand des nachhaltigen Tourismus in Deutschland und Europa.

Deutschland

In Deutschland spezialisieren sich immer mehr Tourismusunternehmen auf nachhaltige Angebote. Dabei sind es vor allem die kleinen Reiseveranstalter, die in den letzten Jahren wahre Pionierarbeit auf dem Gebiet geleistet haben und bei all ihren Reisen auf Aspekte wie Umwelt- und Sozialverträglichkeit achten. Langsam ziehen auch die großen etbalierten Veranstalter nach und erweitern ihr Programm um entsprechende Angebote. Diejenigen Unternehmen, die sich ausschließlich auf nachhaltige Reisen spezialisiert haben, haben sich im Verband forum anders reisen zusammengeschlossen. Alle Mitglieder des Verbands verpflichten sich zur Einhaltung strenger Nachhaltigkeitskriterien. Seit seiner Gründung im Jahr 1998 ist die Zahl der Mitglieder im forum anders reisen stetig von ursprünglich 12 auf aktuell 141 Reiseveranstalter gestiegen (Stand: Juni 2015). Eine Liste aller Mitglieder findet Ihr hier.

Auch eine seriöse Zertifizierung für nachhaltig agierende Tourismusunternehmen gibt es in Deutschland mittlerweile. Mit ihrem CSR-Siegel zeichnet die gemeinnützige Organisation TourCert Reiseunternehmen aus, die strenge ökologische und soziale Anforderungen in ihrem Kerngeschäft erfüllen. Aktuell dürfen 66 Reiseveranstalter, 4 Reisebüros, zwei Reisebürokooperationen und 5 Hotels das TourCert-Siegel führen (Stand: April 2015). Einen Überblick über alle zertifzierten Unternehmen findet Ihr hier.

Frankreich

In Frankreich hat der Gesetzgeber bereits strenge Anforderungen an die Reiseveranstalter hinsichtlich Umwelt- und Sozialverträglichkeit festgelegt. Unternehmen, die sich über diese Vorgaben hinaus besonders für die Nachhaltigkeit engagieren, sind dagegen relativ schwer zu identifizieren, da es keine einheitliche Organisation für nachhaltige Tourismusanbieter gibt. Die beiden großen Branchenverbände SNAV (Syndicat National des Agents de Voyages) und SETO (Syndicat des Entreprises du Tour Operating) kategorisieren ihre Mitglieder nicht im Hinblick auf ihr Nachhaltigkeitsengagement. Viele Veranstalter, deren Fokus auf umwelt- und sozialverträglichen Reisen liegt, gehören je nach Schwerpunkt einer von drei Organisationen an: ATR (Agir pour un Tourisme Responsable), ATES (Association pour le Tourisme Equitable et Solidaire) und VVE (Voyageurs et Voyagistes Eco-responsables).

Belgien

Noch weniger transparent ist der Anbietermarkt in Belgien. Auch hier liefert der große Unternehmerverband der Tourismusbranche ABTO (Association of Belgian Tour operators) keinerlei Auskunft darüber, inwieweit die Reiseangebote seiner Mitglieder mit den Zielen der Nachhaltigkeit vereinbar sind. Der einzige organisierte Zusammenschluss sozial und ökologisch engagierter Reiseveranstalter ist der Verband Tourism Autrement Belgique. Die Mitgliedschaft ist jedoch an keine objektiven Kriterien geknüpft und kann somit leider nicht als Garantie für eine nachhaltige Wirtschaftsweise angesehen werden.

Niederlande

Der Verband niederländischer Tourismusanbieter ANVR (Algemeen Nederlands Verbond van Reisondernemingen) hat auf die steigende Nachfrage nach nachhaltigen Reiseangeboten im Land reagiert und entsprechende Kriterien eingeführt. Seit 2003 müssen sich alle Mitglieder zu diesen Nachhaltigkeitsprinzipien verpflichten, doch wie es mit der Umsetzung in den einzelnen Unternehmen aussieht, steht auf einem ganz anderen Blatt…

Italien

In Italien gibt es nur unzureichende gesetzliche Vorschriften für Reiseveranstalter und auch die Branchenverbände stellen keinerlei verpflichtende Anforderungen an das ökologische oder soziale Engagement ihrer Mitglieder. Allein die Organisation AITR (Associazione Italiana Turismo Responsabile), ein Zusammenschluss nachhaltiger italienischer Reiseveranstalter, sorgt mit einem bindenden Kriterienkatalog für seine Mitglieder für ein gewisses Maß an Transparenz.

Großbritannien

Auch im Vereinigten Königreich ist die Gesetzeslage in Bezug auf die Nachhaltigkeitskriterien für Urlaubsreisen nach wie vor sehr schwach. Und auch einen übergreifenden Dachverband für nachhaltige Veranstalter sucht man hier vergeblich. Stattdessen haben sich in den letzten Jahren eine ganze Reihe von Organisationen und Initiativen gegründet, die sich, wiederum mit unterschiedlichen Schwerpunkten und Anforderungsniveaus, der Förderung nachhaltiger Reiseangebote verschrieben haben. Zu den bedeutendsten und seriösesten gehören der Tourismusverband ABTA, der Verband unabhängiger Reiseunternehmer AITO, die Wohltätigkeitsorganisation Tourism Concern und die Stiftung The Travel Foundation.

International

Viele nachhaltig engagierte Reiseunternehmen aus den verschiedensten Ländern sind auch außerhalb ihrer Landesgrenzen aktiv und haben sich auf internationaler Ebene vernetzt. Der Tourismusverband ATTA (Adventure Travel & Trade Association) ist zwar in den USA angesiedelt, die Mitgliedschaft steht aber Reiseunternehmen aus aller Welt offen. Aktuelle umfasst ATTA rund 1000 Mitglieder aus mehr als 60 verschiedenen Ländern, die sich den Nachhaltigkeitsprinzipien des Verbands verschrieben haben. Wer in seiner Heimat keinen glaubwürdigen Anbeiter für sein gewünschtes Urlaubsziel finden, für den lohnt sich möglicherweise ein Blick in die Liste der ATTA-Mitglieder.